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Kromfohrländer vom Ammenberg

 

SINNVOLLE EINKREUZPROJEKTE

Wenn ich mit meinen Hunden spazieren gehe und dabei meine Gedanken schweifen lasse, habe ich häufig sehr gute Ideen und Einsichten gewonnen. Gestern ist uns ein silberfarbener Labrador begegnet und meine Gedanken zur Einzüchtung dieser Fellfarbe hat mich beschäftigt, denn das Thema Einkreuzprojekt ist davon gar nicht so weit entfernt.

Zunächst möchte ich kurz beschreiben, dass der Labrador in den drei Farben schwarz, dunkelbraun und hellbeige gezüchtet wird. Um eine silberfarbenes Fell zu erzeugen, muss es zu einem Gendefekt kommen, einem sogenannten Dilution-Gen. Dieser Gendefekt bewirkt eine Entfärbung und Verwässerung (to dilute = verwässern, verdünnen) der ursprünglichen Farbe. Die Hautpigmentierung ist bei dieser Fellfarbe, wie bei einem Albino, genetisch bedenklich verändert und führt sehr häufig zu nachfolgenden Erkrankungen: Pigmentstörungen und damit einhergehende Hautveränderungen (Juckreiz, Fellverlust), Immunerkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen oder Allergien.

Die chemische Grundlage für die Pigmentierung der Haut und Haare bildet das Melanin. Im Embryonalstadium spielt es eine entscheidende Rolle, z. B. bei der Ausbildung des Gehörs aber auch noch bei anderen Stoffwechselvorgängen. Ebenso werden Persönlichkeitseigenschaften wie ausgeprägte Aggression oder Angst in der Forschung mit dem Melanin in Verbindung gebracht und diskutiert. Auch die bekannte Tiergenetikerin Frau Dr. Sommerfeld-Stur weist auf eine Relevanz der Fellfarbe mit der Gesundheit und dem Verhalten des Hundes hin (vgl. Wuff, Ausgabe 2014/06).

Es ist also äußerst bedenklich, nur aus optischen Gründen einen Gendefekt zu erzeugen. Diesen Gedanken kann man weiterführen und den Sinn oder Unsinn reinrassiger Hunde zu hinterfragen. 

Die Erhaltung des Rassestandards (von Zuchtverbänden vorgeschriebene Erscheinung des Hundes) hat immer eine Einschränkung des Genpools zur Folge und bildet damit die Grundlage für Gendefekte. Eigentlich sollten in jeder Hunderasse Einkreuzungen vorgenommen werden, um eine Genvielfalt zu erhalten. 

In der reinrassigen Kromfohrländerzucht aber auch in anderen Einkreuzprojekten für Kromfohrländer werden Hunde mit Schwarzscheckung von der Zucht ausgeschlossen. Dabei wäre gerade das ein Gewinn für die Genvielfalt und damit eine Vermeidung von Gendefekten und der daraus resultierenden Erkrankungen. 

Wir sind sehr glücklich, dass in unseren Würfen nicht nur braun gefleckter, sondern auch schwarz-braun gefleckter Nachwuchs vorkommt und es stellt für uns kein Kriterium für einen Zuchtauschluss dar. Natürlich bin ich mir bewusst, dass sich die Farbe Schwarz dominant vererbt und damit immer wieder in den Würfen als schwarze oder braun-schwarze  Scheckung erscheint. Ich höre den Aufschrei der Zuchtverbände, dass dies nicht dem Rassestandard des Kromfohrländers mit hell- bis mittelbraunen Flecken entspricht. Wenn man aber die katastrophale, gesundheitliche Situation dieser Hunderasse wirklich ernst nimmt, ist es möglicherweise ein großer Gewinn, zukünftig auch tricolore Kromfohrländer zu akzeptieren. Dies ist lediglich ein äußerlicher Aspekt, in seinem Wesen, seiner Fellbeschaffenheit und seiner Größe bleibt er ein Kromfohrländer. Für mein Empfinden ergibt diese Mischung aus verschiedenen Farbscheckungen eine größere Individualität, nicht nur in der optischen Erscheinung, sondern auch in einer genetischen Vielfalt.   

Ich zitiere hier den Direktor des Instituts für Tierzucht und Vererbungsforschung in Hannover, Prof. Dr. Ottmar Distl: 

"[Er] rät […] davon ab, Tiere nur innerhalb einer Farbvariante zu züchten. Um die Vielfalt zu gewährleisten und Negativ-Effekte nicht zu vermehren, sollte ´bunt und quer über die Farben´ gemischt werden" (Amberger Zeitung S.8, 23.10.2018). 

Bei den Wölfen, den ursprünglichen Vorfahren unserer Hunde, gibt es streng wissenschaftlich gesehen, nur eine Wolfsart. Es werden aber 16 unterschiedliche Wolfsunterarten oder Rassen unterschieden. Innerhalb einer Wolfsunterart, zum Beispiel dem Timberwolf, gibt es gleiche Erscheinungsmerkmale, wie Größe, Fellbeschaffenheit und Farbe. Betrachtet man jedoch ein Rudel Timberwölfe, so sind dort sehr wohl Unterschiede in der Erscheinung der Wölfe erkennbar. In Verpaarungen, die nicht vom Menschen beeinflusst wurden, zeigen sich in einer Rasse auch individuelle Schwankungen in der Erscheinungsform. Was bei  freilebenden Wölfen zu einer natürlichen Auswahl, frei von rein optischen Unterschieden führt, wird in der Hundezucht, wenn es nicht dem Rassestandard entspricht, von der Zucht ausgeschlossen. Das hat unweigerlich eine Verkleinerung des Genpools  und Verlust von wertvoller genetischer Varianz zur Folge. Leider ist diese Tatsache in jeder Hunderasse zu finden und dem ist eigentlich nur noch durch gezielte Einkreuzungen entgegenzuwirken. 

Wenn in der Hundezucht bewusst Gendefekte erzeugt werden, um eine bestimme Erscheinungsform zu erschaffen, die von Beginn an Krankheiten in Kauf nimmt,  dann ist das in höchstem Maße unmoralisch, weil Optik vor Gesundheit, auf Kosten der Lebensqualität eines Hundes gestellt wird.